Wasser ist nicht einfach gleich Wasser. Es gibt Wasser das strömt und es gibt Wasser das tiefer oder flacher ist als anderes Wasser. Unterbrochen wird das Wasser dann zudem immer wieder von Land und herausragenden Objekten. Gerade in der Nähe von Küsten gibt das einen bunten Fleckenteppich an Gebieten mit verschiedensten Eigenschaften. Durch dieses Wirrwarr bahnen sich verschiedene Schiffe ihren Weg und natürlich können diese sich auch wieder gegenseitig in die Quere kommen. (zurück zur Übersicht der Themen)
Tiefenlinien
Wenn man die Seekarten betrachtet wird man bei einem komplexen Küstenverlauf auf den ersten Blick erstmal nicht viel verstehen. Das ganze sieht etwas aus wie ein Patchworkmuster. Als Bergsteiger wird man am ehesten noch die Karten mit den zahlreichen Höhenlinienmustern gewöhnt sein. Bei der Schifffahrt spielen die Höhenlinien von Bergen dabei ebenfalls eine Rolle (z.B. wenn man versucht eine Landmarke zu peilen, siehe Navigation) aber viel wichtiger noch sind die Tiefenlinien unter Wasser. Befahrbar ist Wasser für Schiffe erst dann, wenn es deutlich tiefer ist als sein Tiefgang ist. Auch kleine Segelboote ragen ein bis drei Meter tief ins Wasser hinein. Mit bloßem Auge kann der Steuermann also nichtmehr sehen ob das Wasser für sein Schiff tief genug ist oder nicht. Er muß sich auf die Seekarten und Handbücher verlassen, welche für ein bestimmtes Gebiet vorhersagen, mit welchen Untiefen zu rechenn ist.
Kollisionspartner
Das
Wissen,
wo
welche Untiefen lauern, ist dabei nur der eine Teil. Man muss natürlich
auch ständig genau wissen wo man sich befindet. Das ist die
Navigation
und Ortsbestimmung (siehe Navigation).
In vielen Bereichen ist die Navigation nicht weiter schwierig, da man es
oft mit großen, weiten, offenen Wasserflächen zu tun hat. Hier
kann nicht viel passieren und man hat die ganze Fläche zum Fahren
frei, sofern einem nicht gerade zufällig ein anderes Schiff begegnet.
Auf dem offenen Meer sind Begegnungen von Schiffen aber eine wirkliche
Seltenheit.
Sie sind in manchen Gebieten sogar so selten, dass einige Schiffe keinerlei
Mühe mehr damit verschwenden, mögliche Kollisionspartner
zu entdecken und einfach blind drauflos fahren. Dieses Risiko mag
auf den großen Ozeanen kalkulierbar gering sein, jedoch ist es in
der Nähe von Wasserstraßen und Küsten sehr groß.
Deshalb ist ein wichtiger und ständig zu beachtender Gefahrenaspekt
stets das Herannahen eine möglichen
Kollisionspartners.
Engstellen
(Bild:
Ein andres Segelschiff kreuzt die Fahrtlinie unseres Schiffes knapp vor
dem Bug in engen Gewässern.) Es gibt einige Wasserstraßen,
in denen Begegnungen mit anderen Schiffen besonders tückisch sind.
Dies trifft vor allem auf enge Fahrrinnen zu. Hier hat mitunter
bereits ein einzelnes Schiff Schwierigkeiten sich "frei" zu halten
(d.h. außer Gefahr zu halten). Wenn sich hier zwei oder mehr Schiffe
begegnen kann es sehr schnell sehr eng werden. Gerade Segler die durch
ihre besondere Antriebsart gehandicapt sind haben hier besondere
Probleme, aber auch große, schwere Schiffe mit viel Tiefgang
geraten hier in Not. Sie können nicht schnell stoppen und auch nur
langsam den Kurs ändern. Zudem sind sie auf ein sehr tiefes Fahrwasser
angewiesen, das meist nur in der Mitte der Fahrrinne zu finden ist. Es
gibt deshalb eine Reihe von Vorfahrtsregeln die recht sinnvoll sind.
Vorfahrt
Die
Vorfahrt
richtet sich grundsätzlich danach, wie schwer ein Fahrzeug manövrieren
kann. So haben tiefgang- und manövrierbehinderte Fahrzeuge
sowie Fischer die "größte" Vorfahrt. Danach in der Priorität
kommen die Segler und dann erst die
motorbetriebenen Fahrzeuge.
Vorfahrt achten müssen die motorbetriebene Schiffe. Soweit so gut,
aber faktisch gibt es ja bekanntlich einen Unterschied zwischen "Recht
haben" und "Recht bekommen". Ein großer Öltanker wird
einem kleinen Segelboot nur selten ausweichen, da er dazu schon gar
nicht wirklich in der Lage ist. Auch ein Ruderboot wird einem
Segelboot nicht immer ausweichen können, da es ja oft einfach wesentlich
langsamer ist (selbst schnellere Rennruderboote fahren nur um die 10 km/h,
während ein schnellerer Segler gut das doppelte davon schaffen kann
ohne sich direkt anzustrengen). Es ist also nicht unbedingt sinnvoll
auf seinem Recht zu beharren und letztlich sind beide Partner
verantwortlich dafür eine Kollision zu vermeiden.
Natürlich gibt es noch wesentlich mehr Regeln, nach denen zum Beispiel Segelboote untereinander erkennen können, wer Vorfahrt hat und wer nicht. (siehe Fakten/Vorfahrtsregeln) Es bleibt jedoch trotzdem wichtigstes Grundprinzip, dass man den anderen nicht mehr behindern darf, als unbedingt notwendig. Wenn mehrere Segler in einem engen Kanal bei Welle gemeinsam aufkreuzen kann dies dennoch zu haarigen Situationen kommen, selbst wenn sich jeder größtmögliche Mühe gibt. Ein wichtiges Sicherheitsinstrument ist hierbei der Schiffsmotor. In Gefahrensituationen kann dieser helfen, Manöver zu fahren, die unter Segeln alleine nicht möglich sind. Wenn man den Motor startet, verliert jedoch ein Segler sein Vorfahrtsrecht gegenüber anderen Seglern. Ein Segler unter Motor ist also ein Motorboot.
Die Sache mit den Vorfahrtsregeln ist auch nicht ganz so einfach, denn es gibt eine breite Reihe von Ausnahmen. Auf einigen Seen mit vielen Segelbooten wäre es für einen mittelgroßen Passagierdampfer unmöglich, sich an sonnigen Sonntagen durch die vielen hundert Segelboote zu wühlen und dabei allen irgendwie auszuweichen. So ein Dampfer ist darauf angewiesen, dass auch die Segler ihm versuchen auszuweichen. Deshalb gibt es hier so genannte "Kursdampfer" die hier eine orange Flagge am Bug führen, um ihr Vorfahrtsrecht anzuzeigen. Natürlich wird aber auch so ein Dampfer keinen Segler einfach so über den Haufen fahren, sondern versuchen auszuweichen wenn ihm dies möglich ist. Wenn ein Segler zum Beispiel gerade eine Flaute hat und keinen Motor, dann hat er auch schlichtweg keine andere Chance, als einfach abzuwarten.
Tröte
Fast alle Schiffe haben eine Tröte (Hupe, Nebelhorn, etc.),
die sie bei kritischen Situationen einsetzen können, um andere
Schiffe zu warnen, sich bemerkbar zu machen oder um bestimmte
Signale
zu geben und Manöver anzukündigen. Dafür gibt es
eine Tabelle mit standardisierten Schallsignalen. Diese bestehen
ähnlich einem Morsecode aus kurzen und langen
Signalen. Das einfachste Signal ist dabei ein einzelnes langes Signal.
Dieses bedeutet schlichtweg "Achtung" und kann eingesetzt werden
ähnlich einer Autohupe, um andere Verkehrsteilnehmer zur Aufmerksamkeit
zu
ermahnen und anzuzeigen daß eine kritische Situation vorliegt.
Es dient aber auch dazu, um den anderen zu zeigen "Hallo hier bin ich!".
So eine Tröte macht schon mächtig Eindruck, vor allem, wenn sie
sehr laut ist. Auch in diesigem Wetter und hinter Felsvorsprüngen
sind die Schallsignale gut zu hören und geben somit wichtige
Zusatzinfos. Die Sparversion der Tröten sind kleine Fanfaren
mit
Druckkartuschen.
Die sind leider relativ schnell leer und man sollte sich ggf. eine Ersatzpatrone
mitnehmen.
Untiefen & Seezeichen
Aber
dem Boot können nicht nur andere Schiffe in die Quere kommen,
sondern auch Untiefen verschiedenster Art. Diese auf der Karte
zu sehen, ist das Eine. Es gibt aber auch eine Reihe von so genannten
Seezeichen,
die einen unter anderem auf Untiefen hinweisen. Diese Seezeichen sind leider
oft nicht so furchtbar gut aus der Ferne zu sehen.
Ein Fernglas
und eine ruhige Hand können deshalb nicht schaden. Wenn man
in
gefährliche Nähe kommt, sind dann aber die meisten
Seezeichen auch deutlich zu sehen. Man muß dann aber jeweils wissen,
was sie bedeuten. Die Bedeutung erschließt sich einem hierbei
nicht alleine aus der Form, sondern erst, wenn man im
Seezeichenkatalog
auch nachgesehen hat. Dort ist nachzulesen, auf welcher Position
ein Zeichen zu finden ist, wie es aussieht und was es im konkreten
Fall bedeutet (also ob es beispielsweise südlich, nördlich
oder direkt auf einer Gefahrenstelle steht und wie groß diese Gefahrenstelle
ist.)
Bei Nacht
Nachts sind die meisten Seezeichen dann irgendwie beleuchtet. Blinkmuster, Farbe und Abstrahlwinkel kann man dann wieder im Seezeichenkatalog nachschlagen und mit den gesehenen Lichtern vergleichen. Einige dieser Lichter die man sieht, können dann aber auch von bedeutungslosen Laternen an Land stammen oder eben von beweglichen Zielen wie Autos oder eben anderen Schiffen. Manchmal ist von einem Schiff nur ein einziges kleines Licht in der Dunkelheit zu sehen. Dass sich dieses bewegt kann man gar nicht so genau fest stellen, da man sich ja selbst ständig gegenüber den anderen Lichtern bewegt und Entfernungen zudem nachts kaum zu schätzen sind. Wenn man aber erkannt hat, dass es sich um Schiff handelt, dann gilt es verschiedene Dinge herauszufinden: In welche Richtung fährt es und wie schnell? Was für ein Schiff ist es und welche Vorfahrtsrechte hat es? Wohin will es vermutlich und welche Manöver wird es dazu fahren? Inwiefern kann es uns dabei in die Quere komme?
Positionslichter
All das an nur ein bis drei Lichtern abzulesen, ist oft recht schwierig. Es gibt jedoch bestimmte Vorschriften die genau festlegen, welcher Typ Schiff welche Positionslichter führen muss. Diese Lichter lassen sich dann nachschlagen und man kann daraus dann ableiten, um welche Art Schiff es sich handelt, selbst wenn man nur die Lichter sieht. Die Lichter sind dabei so angelegt, daß man (theoretisch) jederzeit von jeder beliebigen Seite aus genau sagen kann, um welches Schiff es sich handelt und in welche Richtung das Schiff ungefähr fährt. Man erkennt dies, weil man sehen kann welche Seite des Schiffes man sieht. An der Backbordseite (in Fahrtrichtung links) führt das Schiff ein rotes Licht, das nur von dieser Seite aus zu sehen ist. An der Steuerbordseite (in Fahrtrichtung rechts) führt das Schiff ein grünes Licht, das auch nur wieder von dieser Seite zu sehen ist. Genau von vorne sieht man beide und von hinten keines von beiden. Das funktioniert in der Praxis natürlich auch nicht ganz so gut. Ein weiteres Problem tritt bei großen Schiffen auf. Diese haben oft soviele Lichter, dass man gar nicht herausfinden kann, welches davon nun die Positionslichter sind und welches irgendwelche anderen Lichter sind. Man kann dann zwar das Schiff schon von weitem sehen, aber schon bei der Fahrtrichtung wird es manchmal schwierig, denn bei manchen Schiffen erkennt man schlecht, auf welcher Seite der Bug und auf welcher Seite das Heck ist. Der Schiffstyp lässt sich ohne die typischen Positionslichter dann gar nicht mehr ermitteln. Ist es nun ein Grundlieger, liegt das Ding vor Anker, fährt es, ist es ein Schleppverband, sind Unterwasserarbeiten im Gange, oder wie oder was?
Schleppverbände sind übrigens auch bei Tag eine zusätzliche Gefahr. Sie sind sehr viel weniger wendig und selbst wenn man alle Schiffe des Schleppverbandes sieht, muß man ersteinmal erkennen, daß es sich auch um einen Schleppverband handelt. Es kann theoretisch passieren, daß ein Schlepper etliche hundert Meter vor einem Tanker fährt. Wer würde hier an einen Schleppverband denken. Links das eine Schiff, rechts das andere. Und der Abstand zwischen beiden kann durchaus so groß sein, daß man es eventuell riskiert, zwischen beiden durch zu fahren. Aber ei der daus! Da ist ja noch ein Stahlkabel dazwischen, denn es ist ein Schleppverband mit sehr, sehr langem Stahlseil dazwischen. Ein Segelboot tut sich dann auch schwer mit seinem hohen Mast unter dem Seil hindurch zu flutschen und wird sich gnadenlos verheddern. Tagsüber wird man das starke Seil meist noch rechtzeitig sehen. Nachts jedoch ist es schlichtweg unsichtbar, da es nicht beleuchtet ist. Die Positionslichter an den Schiffen sind hier die einzigen Hinweise auf die Gefahr.
Mehr Wissen notwendig
Es empfiehlt sich ggf. näher in die Materie einzuarbeiten und dazu ein oder zwei gute Fachbücher zu Rate zu ziehen. Für Prüfungen ist sowieso ein umfangreiches Wissen diesbezüglich verlangt und ein Boot braucht wenigstens einen Skipper, der diese Prüfung auch erfolgreich absolviert hat. Als erster Eindruck sollte dies aber zunächst genügen.