Am Anfang hatte er nur gemeint, daß es Zufall wäre. Er wußte zwar daß es so einen verrückten Zufall nicht geben konnte, aber er hatte sich gedacht daß ja Leute auch im Lotto gewinnen obwohl es eigentlich fast unmöglich ist. Warum sollte dann nicht ihm soetwas widerfahren. Er glaubte vorallem deshalb an einen Zufall, weil es kein Glück war das ihm passierte. Es war zwar auch kein Unglück, aber es war die Art von mildem aber penetrantem Pech das ihm ständig passierte. Also war es einfach nichts außergewöhnliches für ihn gewesen. Er wußte noch ganz genau wie es geschehen war. Er war dagesessen und hatte einen dieser alten verstaubten Setzkästen herausgekramt, mit dem man Buchstaben in Stempel setzen konnte. Damit konnte man sich so belanglose Stempel wie "Heinz Müller" oder "Empfänger verzogen" oder "Nicht mit mir" setzen. Dann hatte man einen richtigen Stempel mit dem man auf alle möglichen Dinge irgendwelche Sachen stempeln konnte. Aber soweit war er damals garnicht gekommen. Er hatte den Kasten aus dem Schrank herausgeholt und wollte ihn vorsichtig zu öffnen. Zwar hatte er noch versucht das schlimmste zu verhindern, aber es hatte nichts genützt. Der gesamte Inhalt der Schachtel mit all ihren Buchstaben hatte sich auf den Boden ergossen. Etwas ratlos, aber nicht zu sehr beeindruckt von diesem minder schweren Pech hatte er auf den Boden gestarrt und auf einmal hatte er es gesehen. Ja tatsächlich. Kein Zweifel. Er sah nochmal hin und noch immer war es da. Er konnte es nicht recht glauben. Er tat so, als würde er die Buchstaben nicht beachten, dann schielte er erst aus den Augenwinkeln darauf, schließlich wendete er sich mit einer schnellen Drehung des Kopfes wieder den Buchstaben zu. Sowas passierte auch nur ihm, hatte er sich damals gedacht. Da lag dieser ganze große Haufen von Buchstaben. Alles war durcheinander. Äs und Üs und Ks und Ls und Os und Ps und inmitten des wirren Haufens von Äs und Üs und Ks und Ls und Os und Ps lagen etwas schief aber durchaus so daß man es als geordnet bezeichnen konnte einige Buchstaben nebeneinander. Alle waren ihm zugewendet. Alle waren richtig herum gefallen, so daß man sie lesen konnte. Und sie ergaben ein Wort. Ein eindeutiges Wort. Dieses Wort lag dort in dem ganzen Chaos und starrte ihn an. Es war kein Wort wie "die" oder "ist" oder "ja". Es war länger, es war bedeutend länger und bedeutend unverschämter. Es war etwas besonderes und ganz sicher hatte er es noch nie von einem Setzkasten vernommen, so ordinär war es. Da stand klar zu lesen: "ARSCHLOCH". Jawohl "ARSCHLOCH". Nichts anderes. Nicht "HALLO" oder "SCHÖNER TAG". Nein, es war "ARSCHLOCH". Einen kurzen Moment noch überlegte er ob es sich nun beleidigt fühlen sollte oder nicht. Dann beschloss er einfach es zu ignorieren. Schließlich gab er den Buchstaben einen beherzten Tritt.
Nach diesem Erlebnis hatte er sich noch nichts gedacht. Wohl hatte er es ein paar Freunden erzählt, die nur müde grinsten. Was sollte man auch sagen zu so einem verrückten Zufall. Das war auch seine eigene Meinung gewesen. Dann passierte ihm das mit der Tinte. Er hatte versucht mit einem alten Kiel und einem Fäßchen Tinte ein paar Zeichnungen zu machen. Das war ihm sichtlich mißlungen. Er war etwas frustriert und begann Tintetropfen auf ein Blatt Papier zu treufeln. Dann faltete er das Papier um eine dieser Symetrischen Tintenfiguren entstehen zu lassen. Als er es gespannt öffnete und sah was es geworden war, erstarrte er. Da stand mit fetten verschmierten Tintenbuchstaben, aber leider klar und deutlich zu lesen "ARSCHLOCH" und danaben dasselbe nochmal, nur in Spiegelschrift. "ARSCHLOCH". Es stand einfach da. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Nein es war kein Traum. Es stand vor seinen Augen. Fassungslos begann er sich die Haare zu wühlen. Aus Unachtsamkeit stieß er gegen das Tintenfäßchen und verschütete die Tinte. Als er zum weißen Teppichboden sah um fest zu stellen, was er angerichtet hatte, da schrie er auf. Da stand es wieder. Schon wieder. "ARSCHOCH". Die Tinte hatte einige unschöne unförmige Flecken gebildet, aber mitten drinnen war ein Wort zu lesen. Krakelig aber klar und deutlich. "ARSCHLOCH". Er brauchte lange die Buchstaben in wilder Hysterie aus dem Boden zu rubbeln. Und er brauchte noch länger um diesen Schock zu überwinden. Aber er kam darüber hinweg. Irgendwann war er sich wieder sicher, daß es nur ein Zufall sein konnte. Nichts anderes als ein Zufall. Nur ein Zufall. Aber unterschwellig blieb die Angst in ihm. Immer fürchtete er irgendwo das Wort zu sehen. Trotzdem lächelte er wieder. Denn es geschah nichtsmehr in der Richtung. Zumindest lange Zeit.
Dann an einem schönen Morgen blickte er vom Dachfenster seines Hauses. Er streckte sich und sog die klare Kühle Luft des Morgens in seine Lungen. Er blickte auf die sonnenbeschienene Blumenwiese vor seinem Haus hinunter und sah auf die Blumen. Klatschmohn hatte sich dort in das Bunte durcheinader der Blumen gemischt. Roter Klatschmohn, der aus den anderen Blumen deutlich herausstach. KLATSCHMOHN. Dieser verdammte Klatschmohn. Mit einem Aufschrei des Entsetzens rannte er hinunter, holte seine Sichel und ruhte nicht eher, als bis auch die letzte der Mohnblumen, die alle in einer wohlgeformten Arschloch-Formation standen weggemäht war. Dann mähte er noch eine ganze Weile weiter, weil der Streifen den er frei gemäht hatte genauso aussah wie das Wort Arschloch. Diesmal brauchte er nicht so lange, um mit dem Schrecken fertig zu werden. Ein wenig hatte er sich wohl schon daran gewöhnt. Und obwohl er nun immer fürchtete, von irgendeinem der zahlreichen Gegenstände beleidigt zu werden gelang es ihm diese Angst in seinem täglichen Leben weitgehend zu verdrängen.
Einige Zeit später fuhr er mit einem wunderhübschen Mädchen hinaus ins Grüne. Sie gingen durch eine Blumenwiese. Und er fürchtete schon, das ihn wieder irgendwelche Blumen mit den unflätigen Worten empfangen würden. Aber das passierte nicht. Sie legten sich in das Gras und blickten hinauf zu den Wolken. Und sie phantasierten, was wohl die Wolken wären. Da gab es welche die aussahen wie Schäfchen oder wie Pferde. Eine sah aus wie eine Eistüte oder ein Hut. Ja und dann kam eine unschuldig dreinblickende Wolke vorbei, bei der man nicht sehr viel Phantasie brauchte um zu erkennen, was sie wohl darstellen mochte. "ARSCHLOCH". In dicken fetten Lettern, zog weiß auf blau dieses Wort vorbei. Eine Wolke, die rein um ihn zu ärgern zufällig, aber auch rein zufällig die Form des Wortes "ARSCHLOCH" angenommen hatte. Und nicht ein kleiner Schreibfehler war darin. Es hieß nicht etwas "ASOHLOCH" oder "ARSLOG" oder einer der Buchstaben wäre verkehrt oder verdreht. Nein, nein. Klar und deutlich und vollkommen fehlerfrei zogen diese Buchstaben dort droben an ihm vorbei. Und er konnte nichts anderes tun, als sie anblicken und ihnen zu wünschen, daß ein Flugzeug sie durchbohren würde. Aber das passierte nicht.
Am Abend dann lagen sie wieder da. Die Wolken hatten sich weiter zugezogen und nun wäre es unmöglich eine Wolke aus dem dunklen wolkenübersähten Himmel herauszuerkennen, die irgendein Wort darstellen würde. Eigentlich war der gesamte Himmel eine einzige Wolke. Nur hier und dort konnte man die Sterne sehen, wie sie durch ein Wolkenloch herunterleuchteten. Er blickte empor und da sah er es wieder. "ARSCHLOCH" Das Wolkenloch hatte genau diese Form. "ARSCHLOCH". Buchstaben aus vielen hundert glitzernden Sternen, standen da am Himmel. Und jeder dieser verdammten ungezogenen Sterne half mit das beleidigende Wort "ARSCHLOCH" zu formen.
Im Laufe der Zeit aber bemerkte er es kaum noch. Gelegentlich war er noch verärgert, wenn sich die Wassertropfen im Waschbecken zu "ARSCHLOCH" formten oder er in den Niederschlagstropfen am Spiegel lesen konnte "ARSCHLOCH". Nur wenn er schlecht gelaunt war schlug er ihn dann noch ein. Ansonsten ignorierte er ihn einfach. Wenn er irgendwas verschüttete, sei es Mehl oder Zucker oder Wasser oder Büroklammern. Immer und jedesmals und das war etwas auf das man sich absolut verlassen konnte, formte es sich zu dem Wort "ARSCHLOCH". Wenn ihm das Essen im Topf anbrannte, dann stand da plötzlich in schwarzem Ruß "ARSCHLOCH". Wenn er in den Wald ging um Pilze zu sammeln, dann begrüßten ihn die Blumen und Pilze mit "ARSCHLOCH". Wenn er zum Himmel hinauf sah "ARSCHLOCH". Wenn er einen Dreckfleck im Hemd fand "ARSCHLOCH". Überall aber auch wirklich überall wo etwas zufällig so hätte sein können, konnte man mit Sicherheit davon ausgehen daß es da stand "ARSCHLOCH". Der Schimmelpilz in seinem Keller. "ARSCHLOCH". Mit der Zeit meinte er wirklich, daß er wohl ein vollkommenes Arschloch sein müsse. Wie sonst war es möglich, daß jede Mikrobe genau wußte, daß er eines war. Und daß sie es wußten hatte er gesehen, als er sie das letzte mal im Mikroskop beobachtet hatte. Zu Anfang hatte er es ein wenig zu groß eingestellt und sich schon gewundert. Aber dann hatte er es bemerkt. Ein "A". Ein dickes fettes "A". Dann ein "R", ein "S", ein "C", ein "H", "L", "O", "C", "H". Beruhigt sah er auf. Alles in Ordnung. Nur einmal. Einmal war er wirklich überrascht gewesen. Er war im Bett aufgewacht, hatte an der Decke irgendwelche Lichtreflexe gesehen "ARSCHLOCH", war aufgestanden, vorbei an den Fliegen in der Arschloch-Formation gegangen. Zum Fenster an dem Schmutz in der Arschloch-Form klebte und hatte es geöffnet. Er hatte hinabgeblickt auf die Arschlochblumen und den Arschlochbaum, sah dann kurz noch auf der Straße ein paar Arschloch Pferdeäpfel liegen und blickte dann zum Himmel empor und erstarrte. Nein. Das konnte nicht sein. Das war unmöglich. Lange blickte er die Wolken an. Da stand NICHT Arschloch. Es war nicht viel besser was da stand. Aber es war nicht Arschloch. Er verstand die Welt nichtmehr. Ungeheuer. Da stand nur: "ARSCH". Er traute seinen Augen nicht. Dann hatte er plötzlich einen Gedanken. Er ging hinein, sah auf den Kalender. Tatsächlich. Der 1.April. Schnell eilte er wieder ans Fenster. Und da stand es. "ARSCHLOCH" Die Zeit die er hineingegangen war, hatten diese verdammten Wolken genutzt um sich noch ein H, ein C, ein O und ein L zu holen. Verdammte Dinger. Er warf ihnen einen tödlichen Blick zu. In dem Moment fingen sie an abzuregnen. Aber dies blieb damit auch der einzige Vorfall in dem es nicht so gekommen wäre, wie es hätte kommen müssen. Er konnte sich wirklich darauf verlassen. Jeder Gegenstand wußte, daß er ein Arschloch war. Irgendwann begann auch der Bankautomat für die Kontoauszüge zu beschimpfen. Und dann, ja dann kam das, was ihn wirklich mitnahm. Nachdem er einen ganzen Tag unter dem Arschloch-Himmel unter der Sonne gelegen hatte ging er hinein. Ging am Spiegel vorbei und erschrack. Oh mein Gott. Sommersprossen. Nein. Das konnte nich sein. Er bekam Sommersprossen. Es waren erst ein halbes dutzend. Aber schon jetzt wußte er, wie es aussehen würde, wenn es mehr wären. Das mußte er verhindern. Und von da an, ging er so wenig ins Freie wie nur irgendwie möglich.
Immerhin bekam er keine Sommersprossen dadurch, aber dafür passierte es immer öfters, daß irgendwelche Leute zufällig und ohne allzu böse Absicht genau an Dinge, mit denen er zu tun hatte "Arschloch" schmierten. Jetzt waren auch schon die Leute gegen ihn. In Telefonzellen, auf Sitzbänken, an Bushaltestellenschildern, einfach überall war nun dieses Wort. Und es passierten noch verrücktere Zufälle. Es passierten Dinge die eigentlich nicht passierten, nur um ihm noch öfters klar zu machen, was für ein Arschloch er war. Er schälte eine Banane und da stand es. Auf der Banane stand klar und deutlich zu lesen: Arschloch. Ihm war es vorher noch nie passiert, das dort irgendetwas gestand wäre. Aber hier war wieder mal klar und deutlich dieses Wort zu lesen. Mit der Zeit wurde es zur absoluten Plage. Überall wurden die Wörter nach und nach durch "Arschloch" ersetzt. Er bekam nur noch Bücher und Zeitungen in denen an mindestens drei dutzend Stellen aufgrund irgendwelcher technischer Schwierigkeiten ein Fehler passiert war und dort nun ganz unvermittelt "ARSCHLOCH" stand. Der Videotext-decoder empfing immer mehr Worte falsch und zeigt mehr und mehr "ARSCHLOCH". Sein Computer löschte alle Daten und überschrieb sie mit "ARSCHLOCH". Gleichzeitig las er das Worte nicht nur überall sondern er hörte es auch zunehmend. Das Rauschen des Wassers flüsterte es ihm zu "Arrrschloch !" Der Vogel vor seinem Haus flötete "Arschloch ... Arschloch ... Arschloch ...".
Und irgendwann beschloß er darauf wenigstens einen gewissen Nutzen zu ziehen und begann das Phänomen zu untersuchen. Er kaufte einen großen Berg Bananen und lies die Leute vor seinen Augen eine beliegie nehmen und öffnen. Meißt waren sie tadellos. Ein paar wenige hatten kleinere Druckstellen. Nahm aber er eine der Bananen so war dort immer zu lesen "Arschloch". Die Leute bewunderten ihn und nannten ihn einen großen Zauberer. Er konnte sogar die Leute aus dem Haufen zwei Bananen auswählen lassen. Eine sollten sie selbst öffnen und die andere ihm geben. Immer, stand auf der Banane der Versuchsperson nichts zu lesen, jedoch auf der Banane des Mannes "Arschloch". Er dachte sich weitere Spielchen aus. Er ließ jemanden auf zwei dutzend Karten verschiedene Dinge Schreiben. Sie konnten alles schreiben, zeichnen oder malen oder die Karte einfach leer lassen, nur auf einer Karte sollte "Arschloch" stehen. Dann zog der Mann blind eine der Karten und er fand immer aber auch wirklich immer die Arschloch-Karte. Er konnte das beliebig variieren. Er dachte sich die verrücktesten Tricks aus, wo nur immer irgendwo "Arschloch" vorkommen mußte. Sie klappten alle. Das Publikum war begeistert und das ständige Auftauchen des Wortes Arschloch, gab ihm schnell ein klares und eindeutiges Markenzeichen. Aber das war es war die Leute faszinierte und herbeiströmen lies in Mengen. Bald schon machte er seine eigene Arschloch-Show und Arschloch-Tourne und hatte seine eigene Arschloch Sendung im Fernsehen. Er verdiente viel Geld und wurde sehr glücklich. Alle dachten, daß das gehäufte Auftreten von "Arschloch" in seiner Nähe nur Teil einer ausgeklügelten und absolut beeindruckenden strategischen Werbekampagne war. Er unterschrieb mit Arschloch und alles um ihn herum wurde zu Arschloch. Er war das Arschloch, aber die Leute liebten ihn. Er hatte keine Probleme mehr mit dem Wort. Es war zu seinem Glück geworden. Und überall wo er es sah, lies es ihn freudig lächeln. Es war normal und doch schön. Und so wurde er zu einem der glücklichsten Menschen auf der Erde, weil er genau wußte was er war und alle Leute wußten es auch, aber eben genau das war auch der Grund warum sie ihn liebten wie er war.
Im hohen Alter starb der Mann schließlich und zwar auf eine Art und Weise, die seinem Namen alle Ehre machte, die hier jedoch nicht näher erleutert werden soll. Sein Todesort war voll von Arschloch. An den Wänden, am Boden, überall, auch an ihm selbst. Das war das letzte mal daß man gesehen hätte, daß irgendwo das Worte Arschloch aus unerklärlichen mysteriösen Gründen aufgetaucht wäre. Von nun an war Ruhe. Die Leute trauerten um ihn. Ein großes Idol ihrer Zeit war gestorben. Er war jemand gewesen zu dem sie wirklich hatten aufsehen können. Ein echtes Arschloch eben. Das Worte war kein Schimpfwort mehr. Es war ein neues Wort geworden, mit einer völlig neuen Bedeutung in der sich die gesammte Geschichte und die gesammte Mystik des Arschlochs widerspiegelte. Es gab viele Arschloch-anhänger die den Arschlochkult nicht aussterben ließen. Zu seinem Begräbnisort pilgern jeden Tag hunderte von Arschies, wie sie sich selbst nennen. Dort ist prunkvoll sein Grabmal zu sehen, wo in goldenen Lettern zu lesen ist "ARSCHLOCH".