Wir schreiben das Jahr 1999 ... noch. Der Profi von heute trägt zwar schon seit Jahren eine Countdownuhr die ihm ganz präzise vorrechnet wieviel Zeit ihm noch bis zum ultimativen Zeitpunkt X bleibt, jedoch braucht es derlei hilfsmittel inzwischen bei weitem nichtmehr. Jeder bessere Copyshop und Computerladen haengt inzwischen taeglich bunte Ausdrucke auf, auf denen zu lesen ist wieviele Tage es noch bis zum Jahr zwei tausend sind, nur um zu zeigen dass man es selbst offenbar auch schon rausgefunden hat und dass man es sich leisten kann taeglich einen farbenfrohen Ausdruck zu produzieren den man am Abend wegwerfen kann.
Als wirklicher Profi kann einen deshalb auch nicht Meldung schockieren dass man jetzt nurmehr kurze Zeit bis Weihnachten hat, denn neben der obligatorischen Milleniumuhr tragen wir natuerlich laengst schon eine entsprechende Weihnachts-countdown Uhr die uns schon im Januar daran erinnert dass es Zeit wird die Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Entsprechend unterstuetzt werden wir dabei von den Geschaeften die uns bereits Monate im Vorraus (also schon kurz nach Osern) in unserer Panik voll unterstuetzen und mit Weihnachtssonderangeboten werben. Der Profi weiss jedoch: Schokoladenostereier machen sich in der Sommerhitze schlecht und sind nur durch spezielle Schoko-stabilisierungsverfahren wirklich brauchbar zu verkaufen, wenn sie nicht aussehen sollen wie der Blob aus dem Weltraum.
Der wahre Profi aber braucht das alles natuerlich nicht, denn er hat sich schon von letztem Jahr einen ausreichend grossen Vorrat eingekauft um jederzeit und wann er will Weihnachten vor, nach oder zwischen zu feiern ohne auf aktuelle Einkaeufe zurueckgreifen zu muessen. Im entscheidenden Moment lassen einen die Geschaefte naemlich dann haengen. Kurz vor Weihnachten (also quasi zu Weihnachten) sind die Weihnachtsangebote naemlich verschwunden. Beim Panikeinkauf kurz vor dem Frohen Fest also, wenn einem am 23.Dezember noch einfallen sollte dass man ein paar Christbaumkugeln braeuchte, grinsen einem aus den Regalen nurnoch Osterhasen entgegen die gegen die aktue Kaelte vielleicht alenfalls als Kompromiss rote Pelzmaentelchen tragen. Eigentlich kein Tragbarer Zustand. Der Profi weiss aber auch hier die ultimative Loesung: Man verschiebt Weihnachten einfach. Allerdings bieten sich hier fatalerweise zwei gute Termine mit ihren individuellen Vor- und Nachteilen: a) Man feiert schon Anfang Oktober, denn dann sind die Lebkuchen in den Regalen hoffenltich gerade frisch (die alten vom Vorjahr werden schon im September verkauft) oder b) Im Januar, denn dann kann man bequem auf den Weihnachtskauf verzichten und sich einfach einen ganzen Tannenwald fuers Wohnzimmer von der Strasse auflesen. Jeder der auf einen gleichmaessigen Reissigteppich steht, wird diese Loesung als besonders angenehm empfinden.
Aber noch ist ja Zeit. Sogar mehr als sonst. Wenn das Advents-Fruehwarnsystem einsetzt ist es diesmal sogar noch Ende November, was einge Laien ueberraschen mag. Mit einem einfachen Mathematischen Verfahren unter Zuhilfenahme von komplexen Zahlen und FastFourierTransformationen kann man als Profi aber sofort ausrechnen dass es damit durchaus seine Richtigkeit hat. Und so hat auch der wahre Profi vor dem Jahr 2000 keine Angst, denn er weiss: Er ist Jahr 2000 sicher. Ob das fuer den Rest der Menschheit auch gilt, jedoch darf bezeifelt werden. In der Tat haben offenbar nur weniger als 10% der Menschheit ihre kognitiven Betriebssysteme auf ein modernes Niveau gebracht obwohl bereits seit Jahren entsprechende Patches und Upgrade angeboten werden. Wir als Profi koennen uns aber getrost ein Y2K-sicher Button auf die Brust heften und allen damit vertrauensvoll versichern dass sie auch im naechsten Jahr ganz bestimmt mit uns rechnen koennen.
Aber der Profi weiss dass man dennoch Vorsicht walten lassen sollte. Bonduell-Gemuesedosen-Werbungen machen es hier vor: Das einzige was sicher essbar bleibt sind Dosen, selbst wenn sie irrtuemlich mit haltbar bis 1901 ettikettiert sein sollten. Der Profi weiss: Solange gibts Dosen noch garnicht, zumindes nehmen wir das mal gutglaeubig an. Eine Dose haltbar bis 1901 ist also unmoeglich, wohingegen eine Dose haltbar bis 1862 in unserem weitlaeufigen Vorratskellerkatakombensystem durchaus im Rahmen des moeglichen ist. Der Profi weiss: Vieles wird sehr wertvoll wenn man es nur lange genug aufhebt und so ist es sogar sinnvoll sich von allen Dingen die es fuer wenig Geld heute noch zu kaufen gibt einen entsprechend Vorrat anzulegen. Dan wird man spaeter die Coca-Cola Dose Jahrgang 1999 spaeter zu einem hohen Preis verkaufen koennen oder bei Abschluss eine wichtigen Vertrages hervorholen koennen mit den Worten "ein guter Jahrgang".
Aber auch der gut vorbereitete Profi kann stets noch etwas besser vorbereitet sein und so beschliessen wir eine Generalinspektion unseres Hauses um auf logistischer Basiskalkulation die Vorratsbestaende zu pruefen, das Haus auch Y2K sicher zu machen und um ueberhaupt mal ein bischen alles durchzukucken. Einmal pro Jahrtausend ist das sicherlich nicht zuviel verlangt. Was sich so alles innerhalb eines Jahrtausends in so einem Haus ansammeln kann aber mag den Laien in Entsetzen versetzen. Den Profi aber laesst das kalt. Die Vogelspinne die wir aus dem Hauptabfluss im Keller ziehen und die offenbar fuer die Ueberschwemmungen der letzten Jahre verantwortlich war, laesst uns genauso ruhig, wie die Dose Bohnen die noch von 1860 stammt und tatsaechlich in unserem Keller noch existiert hat.
Wir stellen bei der logistischen Ueberpruefung aber fest dass einige Artikel nicht ausreichend vorhanden sind und einige dafuer inzwischen uberfluessig. So zum Beispiel der Vorrat an Rohschnee und fertigen Schneebaellen in unserem Gefrierschrank den wir noch aus dem letzten Winter gerettet haben um der erste zu sein der in diesem Winter einen Schneeball werfen kann. Leider hat der ploetzliche fruehe Wintereinbruch diese Kalkulation ueber den Haufen geworfen und so werfen wir die Schneebaelle gleich raus. Und weil wir uns nicht ganz sicher sind ob der Gefrierschrank Y2K sicher ist und er moeglicherweise punkt 12 Uhr still und leise oder schlimmer noch mit lautem Getoese ausfallen wird, werfen wir den Gefrierschrank mitsamt dem Schnee gleich mit weg.
Nachdem die Lage daheim bereinigt und wieder ausreichend Platz geschaffen wurde begeben wirs uns auf eine Eskapade durch saemtliche Supermaerkte der Umgebung um wichtiges, praktisches, nuetzliches und Lebensnotwendiges einzukaufen. Darunter sind natuerlich alle Arten von Konservendosen, Instantnahrungen und kompakt Tabletten die wir kriegen konnten. Mit diesem Sammelsurium an Vitamintabletten, Oelsardinendosen und Asia-Nudelsnacks sollte uns das Ueberleben in den erstenMonaten des Jahr 2000 gesichert sein. Daneben vergessen wir auch den reichlichen Vorrat an Fluessigkeit nicht und ordern gleich einen Tankwagen mit Frischwasser. Ausserdem besorgen wir ein Aquamax-Deluxe Set. Im Baumarkt kucken wir vorbei und nehmen dort ein Notstromaggregat und einen Wasseraufbereiter sowas Luftfilter mit. Nicht zu vergessen auch die Sandsaecke die sich wahlweise als Barrikade bei Aufstaenden oder als Deich fuer den Fall einer Polkappenschmelze verwenden lassen. Um das Menschheitswissen in das naechste Jahrtausend zu retten nehmen wir ausserdem noch alle moeglichen Wissens-CDRoms mit die wir auftreiben koennen und fuer den Neubeginn nach der grossen Katastrophe besorgen wir noch Pflanzensamen und zahlreiche kleine Tiere (immer ein Maennchen und ein Weibchen) die wir zur Not auch gleich selbst verspachteln koennen. Auf dem Rueckweg nehmen wir bei der Tankstelle noch einige Flaschen Propangas und einen Grossvorrat an Benzin mit.
Die geschickte Verwendung daheim ist jetzt natuerlich ein anderes Problem. So ein Haus will auch erstmal mit viel Muehe zur Universellen Festung und Arche umgebaut sein. Dass so ein Haus jedoch nicht schwimmen kann duerfte den Laien zunaechst erschrecken, aber der Profi wird das gelassen nehmen und es so gut ausbauen dass es das auch nicht muss und notfalls fuer eingie Jahre als Unterwasserstation ueberleben wird.
Wenn wir das geschafft haben sollten koennen wir uns auch um die Weihnachtsgeschenke gedanken machen, aber der wahre Profi ist hier taktisch. Er verteilt an ausserwaehlte Personen Gutscheine fuer einen Silvesteraufenthalt in seiner Ueberlebensfestung. Das hat den Vorteil dass man sich die sonstigen geschenke spart, entsprechend gesellige Unterhaltung fuer den Weltuntergang hat und auch das genetische Fortbestehen der menschlichen Rasse dadurch gesichert werden kann. Alle die wir nicht dabei haben wollen, muessen wir auch nicht beschenken denn nach der grossen Katastrophen haben die dann draussen ausserhalb unserer Arche bestimmt etwas anderes zu tun als uns vorzuwerfen wir haetten ihnen nichts geschenkt.
Wir koennen jetzt also die restliche Zeit damit verbringen alles theatralisch auf den grossen Show-Down vorzubereiten und uns selbst noch ein wenig zu bilden. Da gibt es zum Beispiel intellektuelle Seichtseiereien die dennoch interessante Anregungen und Aspekte geben koennen, wie Talkshows zum Thema "Weihnachtswahnsinn: Wenn Auspacken zur Sucht wird.". Fuer den grossen Empfang zu Weihnachten und wahlweise gleich bis Silvester hindurch der durchaus auch mit einem finalen Exzess gekroent sein kann (denn schliesslich kann man es sich ja einmal im Jahr durchaus goennen und wenn die Welt eh unter geht ....) besorgen wir entsprechende Utensilen. Zu nenen waeren hier neben Alkoholika und Knabbereien genauso die zahlreichen Themarelevanten Videos wie "The Day After", "Das siebte Zeichen", "Apocalypse Now", "Strange Days" oder den Fernsehfilm den wir bereits vorsorglich vor einem Jahr aufgenommen haben und in dem auch mal wieder wie im siebten Zeichen Jesus auf die Welt kommt und diesmal per MacPowerbook die verschiedenen Siegel oeffnet um die finale Apokalypse einzulaeuten.
Das natuerlich bringt den Profi auf eine neue Idee. Man besorgt sich also schnell noch ein entsprechendes Powerbook und installiert im Haus und drumherum entsprechende gekoppelte Vorrichtungen die taeuschend echte Erdbeben, Flut- und Feuerkatastrophen ausloesen koennen. Damit kann man alles noch wesentlich theatralischer gestalten und den Jahrtausenwechsel zu einer wirklichen Intensiven Erfahrung werden lassen. Man will seinen Gaesten ja schliesslich nichts schuldig bleiben. Um sich dabei wirkungsvoll zu refinanzieren kann man noch entsprechend verfaelschte Broschueren besorgen die die endgueltige Einfuehrung des Euro und Abschaffung der DM schon fuer den 1.1.2000 angeben. Mit etwas gutem zureden kriegt man seine Jahrtausendendzeit Gaeste nochmal so richtig in Panik und kann ihnen dann entsprechend ueberteuerte Euroscheine (die sich mangels echter natuerlich aus Spielgeld rekrutieren muessen, aber wenn kennt jetzt schon den Unterschied) anbieten.
Bei all diesem Trubel hat man dann aber doch tatsaechlich die Besorgung der Weihnachtsutensilien vergessen die fuer das noch vorgeschaltete Weihnachten ja eigentlich noch noetig waeren. So eine Weihnachtsgans, ein paar christbaumkugeln oder einige (hundert) Lichterketten waeren schon fein gewesen. Hier kann man sich aber als Profi immer selbst mit entsprechenden Lagerbestaenden aushelfen und doch noch schnell das ganze Haus in alter Gewohnheit ueber und ueber mit Lichtern dekorieren bis einem dann doch leider die Sicherungen rausknallen und man sie wieder mit einem Kaugummipapierchen ueberbruecken muss.
Sodann muss man versuchen moeglichst bald viel Werbung fuer die eigene
Weihnachtsfeier (bei den
auserwaehlten Personen) zu machen. Statisch gesehen wissen wir zwar
dass die meissten Personen nicht in die Ferne fahren, aber dennoch lassen
sich vielleicht in letzter Sekunde noch einige von Billigangeboten zu den
immer noch freien Pauschalreisen in den Sueden locken. Zwar werden die
Phillipinen sicherlich als erstes im Meer versinken, aber wenn man schon
ersaeuft dann solls wenigstens schoen warm sein. Also muss man entsprechend
gutes Marketing betreiben, den richtigen Leuten geschickt Gutachten zuschanzen
die belegeben dass der Y2K Bug schon vorrausgreifende Fehler bei Flugzeugen
verursachen kann und sie somit niemals bei ihrem Reiseziel ankommen werden.
Und schliesslich ist es in userer Milleniumfestung auch ziemlich war und
der beheizte Pool und die Saune in den weitlaeufigen Katakomben sind auch
nicht zu verachten.
Zwar wissen wir dass unser eigenes Haus ja Milleniumsicher ist aber sicher ist sicher und so machen wir noch ein paar Backups und bauen ein absolut redundantes System auf um den Weltuntergang draussen auch via aller moeglicher Medien live und in vollfarbe und vollstereo bewundern zu koennen.
Das Arsenal an Feuerwerkskoerpern brauchen wir entsprechend unserer logistischen Erhebung auch nichtmehr aufzufrischen die die Lager sind in weiser Vorraussicht brechend voll und reichen auch noch um uns gegen ungebetene Gaeste entsprechend zur Wehr setzen zu koennen (siehe auch Chinesen, chinesiche Mauer, Schwarzpulver, Rakten).
Ab dem 24.Dezember wenn alle Versorgungsgueter gebunkert, alle technischen
Einrichtungen installiert, alle Tierchen in ihren Zwingern und alle Wunschgaeste
in unserer Wohnstube sind, schotten wir die Arche dann ab und verbarrikadieren
uns. Die obligatorischen Defensiv-Waffensysteme rund ums Hause (siehe hier
Film Congo fuer entsprechende Anregungen) sorgen dafuer dass wir ein ungestoertes,
friedliches und gesegnetes Jahresende haben werden. Mit dem Ausbruch groesserer
Aufstaende ist bereties in den Tagen nach Weihnachten zu rechnen und mit
dem Weltuntergang spaetestens zur Sekunde X. Wenn dann aber doch nichts
passiert, machts ja auch nichts. Finanziell sollte es sich im Sinne einer
guten Zukunftsplanung durchaus lohnen, denn wir als Profi wissen: Das Jahrtausend
beginnt eigentlich erst im Jahr 2001, der 29.Februar 2000 bietet noch ausreichend
Potential fuer Computerabstuerze und schliesslich kommen auch in Zukunft
noch genuegend kritischer Astrologischer Konstellationen und Jahresenden
die immer wieder ausreichend Panik ausloesen koennen. Vielleicht haetten
wir auch selbst etwas mehr aktives Panikmache betreiben sollen, damit es
so richtig gezuendet haette und die von allen erhoffte Milleniumpanik doch
noch ausgebrochen waere.